Schweiz: Freibrief für den Sonderfall «Ich»

Am 11. Oktober 2008 lehnte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln den Ehrenpreis in Anerkennung für seine Arbeit bei der Literatursendung «Das Literarische Quartett» ab, weil er die von Thomas Gottschalk moderierte Veranstaltung «Blödsinn» fand. Er hat recht, so eine abgrundtief schlechte Veranstaltung wird man in der Schweiz nicht sehen.

Ein paar Wochen später, am 29. November, eröffnete und lobte Bundespräsident Horst Köhler im Opernhaus des Staatstheaters Stuttgart die Verleihung des Deutschen Theaterpreises mit der gutgelaunten Aufforderung: «Macht weiter schön Theater!» Er hat recht, so eine wunderbar glanz- und stilvolle Veranstaltung wird man in der Schweiz nicht sehen.

Was hier kritischen Subtext dieser beiden Beobachtungen spielt, ist nicht des Schweizers Spott oder Neid, sondern unsere Faszination über ein Land wie Deutschland, das sich so eine abenteuerliche Spannbreite zwischen großartig und erbärmlich leistet, mit der typisch helvetischen Zurückhaltung und der beruhigenden Erkenntnis, daß sowohl Triumph wie auch Absturz zum Glück im Ausland stattfindet, während wir hier mit solidem Mittelmaß solchen Exzessen aus dem Weg gehen. Und richtig, es ist genau diese unsere Gelassenheit und Bedächtigkeit, die uns politisch, wirtschaftlich und kulturell so viele Fehler hat vermeiden lassen.

Die Schweiz ist ein unaufgeregtes, solides Land. Und unaufgeregt ist unser Kino. Solide Filmgeschichten, solide gespielt, mit solider Kamera, solider Ausstattung, solidem Schnitt. Solide finanziert, mit sehr soliden Eingabedossiers, von einer soliden Jury unaufgeregt begutachtet, seriös vernehmlaßt und zur angemessenen Subvention empfohlen. Alles breit abgestützt durch je eine Stimme aus jedem relevanten Verband, unter Berücksichtigung aller geschlechtlichen, sprachlichen, konfessionellen, regionalen und weltanschaulichen Bedürfnisse. Keine Experimente. Keine Klotz-, aber auch keine Hungerleiderbudgets. Dies ist in der Schweiz gute Tradition und der Entwurf eines soliden Erfolgs.

Dieser entspannte, korrekte, mehrheitsfähige Erfolg ist langweilig. In Politik und Wirtschaft ist Langeweile eine Garantie für ruhiges Schlafen. In Zeiten der Finanzkrise wünschen sich Fondsmanager zum Jahreswechsel gegenseitig Glück, Gesundheit und Langeweile. In der Kultur garantiert Langeweile leider auch ruhigen Schlaf. Aber wir Künstler, Autoren, Regisseure, Kulturschaffende sehen uns nicht als schlaffördernde Antwortgeber, sondern als störrische Fragensteller, die den mit sich und der Welt zufriedenen Dauerschlaf der glücklichen Schweiz gerne dauerhaft stören möchten. Was ist nun aber die Ursache für unser Dauerscheitern in unserem friedlichen Paradies? Warum unterhalten wir, erzählen wir, amüsieren wir, kunststückeln wir, erschüttern wir ..., aber kein Schwein regt sich auf?

Viele von uns blühen auf, sobald sie in Deutschland, Frankreich oder England sind, obwohl da die Konkurrenz der Regisseure und Autoren nicht gerade kleiner wird. Heißt das, die Besten gehen? Oder sie werden die Besten, weil sie gehen? Werden die Besten in der Schweiz verhindert, und wenn ja, durch wen oder was? Gibt es bei uns ein Primat des Mittelmaßes? Oder werden wir im Ausland einfach geschickter gefördert? Werden wir im freisten Land der Welt in unseren Freiheiten beschränkt und durch wen? Stellen wir zuviele Fragen und geben zuwenige Antworten? Ist es die Aufgabe von uns Kreativen, Antworten zu geben, oder stellen wir nicht besser die Fragen, die sonst keiner stellt? Oder ist unser fiktives, also erfundenes Erzählen in unserem Land mit seiner noblen Journalismustradition ganz einfach Luxus und Quantité négligeable?

Film ist Kollektivarbeit. Das ist gleichzeitig eine Selbstverständlichkeit und auch ein Mißverständnis. Natürlich entsteht jeder Film im Kollektiv. Mit einer motivierten Crew. Mit einer geballten Ladung professionellen Handwerks. Aber ohne ein führendes Individuum, das den kreativen Schub des Kollektivs kreativ sortiert, entsteht ein richtungsloses Jeder-kann-Mitmachen: Der Regisseur entscheidet darüber, ob er mit unbequemen Fragen sein Publikum aufwühlen oder mit beschwichtigenden Antworten trösten und unterhalten will. Trost ist wichtig, und Unterhaltung ist der Humus, auf dem jedes Erzählen, auch das des Kinos, gedeiht. Fragen unbeantwortet zu lassen, ist in der Regel nicht mehrheitsfähig. Darum will die Filmförderung von den Produzenten Antworten. Der Produzent will von seinem Regisseur Antworten, der Regisseur vom Drehbuchautor, von den Schauspielern, vom Kameramann. Jede Eingabe um Filmförderung dissertiert eine Abhandlung von Antworten in einer Menge, die als Fragen gar nicht eingelöst werden kann.

Das ist gut so und will auch gar nicht geändert werden. In diesem breiten, sehr schweizerischen Konsens entstehen im besten Falle gutgemachte Publikumsfilme mit Erfolgsaussicht, oft auch mit persönlicher Handschrift, wenn der Regisseur futé und hartnäckig genug ist, sich gegen seine antwortenfordernden Partner aus Förderung, Produktion, Vermarktung und Publikum durchzusetzen; manchmal entstehen kleine Kunstwerke, wenn sich die eine oder andere Verweigerung, das eine oder andere Rätsel, das eine oder andere Geheimnis durchsetzen läßt.

Doch immer öfter reicht mir die gutgelaunte Zustimmung nicht. Immer öfter möchte ich mich über Filme aufregen. Mit Filmen aufregen. Widerspruch. Auseinandersetzung. Die Hitze des Diskurses. Auch wenn sich dies in unserer Wohlfühlzeit wie ein Sechziger-Jahre-Anachronismus anhört.

Je länger ich darüber nachdenke, desto länger kann ich die Motivation zur Arbeit auf drei Gründe reduzieren. Erstens: Geld, das Leben kostet, insbesondere in der Schweiz. Zweitens: Menschen, um dieses mittlerweile durch den Zeitgeist ziemlich beliebig konnotierte und mit einem sentimentalen Tremolo versehene Stichwort zu verwenden. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, daß es kaum etwas Inspirierenderes gibt, als mit einer Gruppe motivierter Komplizen in entspannter Atmosphäre und gelassener Stimmung ein Projekt zu Ende zu bringen. Und da zwei von drei erfüllten Gründen ein ziemlich guter Schnitt sind, entstehen viele gute Filme. Filme, die ihr Publikum finden, nicht zuletzt, weil das Publikum spürt, daß schon das Entstehen des Werks Teil des Events war. Manchmal reicht dies, selbst wenn der erste Grund nicht gerade mit Üppigkeit prahlt.

Aber manchmal fehlt mir der Grund «drittens», der nicht ganz einfach zu erklären ist: Der Stachel, der im Fleisch steckenbleibt. Die Irritation, die die gute Laune stört. Das Lachen, das Gewissensbisse hinterläßt. Die Fragen, die unbeantwortet bleiben. Der weiße Fleck, der bleibt. Das Etwas, das überlebt: Den Augenblick. Den Abend. Die Aktualität. Vielleicht den Autor.

Für diesen Grund wünsche ich mir in der Schweiz mehr oder eine andere Freiheit. Eine Freiheit fern von jeder Zustimmung und Mehrheitsfähigkeit. Eine Freiheit zur unangepaßten Einzelstimme und zum Sonderfall «Ich». Eine Freiheit ohne die Selbstgerechtigkeit der Political Correctneß und der eitlen Gutmenschigkeit. Eine Freiheit ohne Comme-il-faut und Common-sense, sondern mit der individualistischen Untragbarkeit eines Advocatus diaboli.

Kein Problem. In der Schweiz darf jeder dürfen. Solange er es selbst bezahlt. Wir sind ein freies Land, genauso frei sind das Wort und der Entscheid, ob einer zuhören will. Die Kulturförderung allerdings verwaltet Steuergelder, und da hört bei uns das Chaos auf, und die soziale Verantwortung beginnt. Aber auch die soziale Verantwortung hält sich sportlich fit, wenn sie sich ab und zu in den Wind stellt und durch ein Feuerwerk des Infragestellens sandstrahlen läßt. Das ist in unserem freien Land zum Glück möglich. Es wäre aber ein Zeichen von Größe, wenn die ätzende, bohrende, nicht nette Einzelstimme nicht nur möglich, erlaubt und geduldet, sondern aktiv gefordert und gefördert würde.

Auch hier ist mir schnelle Zustimmung und Wohlwollen gewiß. Schließlich haben wir kompetente Richtlinien und kompetente Richtlinienverwalter, die sicherlich erkennen, wenn sich bei der Begutachtung in der Begutachtungskommission ein Werk aufdrängt, das den Erfolg mehr durch seine individuelle Handschrift als durch ein erfahrenes Handwerk verspricht. An diesem guten Willen zweifle ich gar nicht. Doch auch in heterogenen Gremien müssen sich Mehrheiten bilden. Eine echte, kompromißlose künstlerische Radikalität schlägt allerdings manchmal Wege ein, die schon im Ansatz die ordnende Hand jeder Kulturkommission zurückzucken läßt. Und doch sind es oft gerade die radikalsten künstlerischen Konzepte, die den aktuellen Diskurs überleben und über lange Jahre ihr Vergessen verhindern.

Eigentlich finde ich ja auch, «never change a winning horse», wir sollten an der Schweizer Kulturförderung gar nichts ändern. Aber vielleicht etwas dazufügen: Freibriefe. Für die radikalen querschlägerischen Einzelstimmen. Für nichteingabe-, nichtkonsens- und nichtmehrheitsfähige Projekte. Vertrauen statt dossiersgestützte Vermutung. Jede zehnte Förderung ein Freibrief ohne den Weg über die Kommission. Die einzige Bedingung sei der Termin der Fertigstellung. Vermutlich ist selbst diese Idee noch diskutabel, denn die Erfahrung zeigt, daß diese individualistischen, kreativen Harken sich möglicherweise - wenn auch contre coeur und oft in heimlicher Komplizenschaft mit gerissenen Werbedenkern - durchaus mit dem kommerziellen Erfolg ihrer zivileren Mitbewerber messen kann. Bloß, wer soll diese Freibriefe verteilen?

Da alle relevanten Verbände, Pressure Groups und Evaluationsnetzwerke ihre Vertreter in den Jurys und Kommissionen haben, hatten oder haben werden, wären diese Freibriefe wirklich nur dann frei, wenn sie von einer Persönlichkeit von außerhalb der Kulturszene, außerhalb des Landes oder von außerhalb von beidem verliehen würden. Das wäre ein echter neuer Denkansatz: Zehn Prozent der steuergenerierten Kulturförderungsgelder verteilt von kulturfremden Ausländern an dossierlose Eingabeverweigerer mit der Ermunterung, ein radikal selbstbestimmtes Werk zu schaffen, das nichts und niemandem als sich selbst verpflichtet ist. Außer einem verbindlichen Ablieferungstermin.

Ich bin kein Gewohnheitszocker, aber ich würde ein paar satte Wetten eingehen, daß diese 10%-Freibrief-Projekte an der Kinokasse und auf dem Markt der digitalen Träger die begutachtungskommissionslizenzierten Filme das Fürchten lehren könnten. Weil es keine Studio- oder Arthousefilme werden, die mit ihrer anwaltschaftlichen sozialen Relevanz vielleicht nur die Minderheit anlocken, die eh schon relevant Bescheid weiß, sondern im besten Fall erzählerische Positionen der zeitgenössischen Kunst zeigen, die man hassen, bekämpfen, ablehnen oder wegschreien kann, aber auf jeden Fall gesehen haben muß.
Urs Odermatt