Eine Eisentür knallt ins Schloß. Schlüssel rasseln. Blecheimer scheppern. Stiefel schnarren über Betonböden. Kehlige Befehle tröten unverständlich aus fernen Lautsprechern. Neonlicht sirrt an der Decke.

Morten kann nicht.

Morten hält den Atem an, zählt bis neunundzwanzig, schließt die Augen. Ein tiefer Seufzer. Nichts.

Morten blickt zur Decke, starrt ein Loch in den Schnürboden. Nichts.

Morten macht seine Arme lang, sucht die direkte Linie. Die kurze Leitung. Den freien Fall. Nichts.

Morten kann nicht.

Krupp sitzt auf dem Klo und liest ein Buch. Wir erfahren später: Alan Sillitoe, Samstagnacht und Sonntagmorgen.

Auftritt Pater Salvian, ein Kapuziner in Kutte und Strick. Pater Salvian schiebt ein schwarzes Vélosolex auf die Bühne. Seine Hände sind schwarz. Seine Stirn ist schwarz. Öl!

Pater Salvian stolpert, stürzt, verletzt sich die rechte Hand. Ein Bühnenarbeiter hilft ihm auf die Beine.

Bühnenarbeiter
Verstaucht.

Pater Salvian
Gebrochen!

Bühnenarbeiter
Ausgerechnet deine Wichshand.
(ab)

Pater Salvian
Arschloch!
(zu Morten) Gelobt sei Jesus Christus, mein Sohn, nicht wahr. Gelobtgelobtgelobt. Ein schöner Tag, heute. Ein wunderschöner. Ein Tag, so wunderschön wie heute. In Ewigkeit, amen. (klemmt sich den Finger ein) Aua! Verdammt... Nein. Gepriesen sei der Tag, an dem dieses Ding in der Hölle des Schrotthändlers Schlotterbeck schmort. Sie sind also der Neue. Herzlich willkommen. Ehm. Ja. Nun. (räuspert sich) Nicht wahr? (räuspert sich erneut) Würde ein Gruß Sie sehr anstrengen?

Morten dreht sich zu Pater Salvian um.

Pater Salvian
(zu Morten) Um Gottes willen. Sind Sie Jude?

Krupp
Phimose. Vorhautverengung. Poliklinik! Professor Schnetzer...

Pater Salvian
Um Gottes willen.

Morten dreht Pater Salvian wieder den Rücken zu.

Pater Salvian
In nomine patris, et filii et spiritus sancti, amen. (klemmt sich den Finger ein) Aua! (zum Vélosolex) Apage Satanas! Der Herr möge mir vergeben. Sagt mir heute ein Bauerntölpel, dieser Teufel braucht eine neue Kerze. Eine Kerze! Soweit kommt's noch! Eine Kerze anzünden am Altar des Herrn. Für diesen Abschaum. (zum Vélosolex) Ramsch! Französischer.

Pater Salvian gibt dem Vélosolex einen Tritt. Ein Fehler: Pater Salvian hinkt für den Rest des Abends.

Pater Salvian
Wir kommen doch nicht ungelegen? Nein? Das Wort des Herrn kommt niemals ungelegen. Manchmal etwas spät. Kein Wunder, bei dieser Ausrüstung. Aber niemals ungelegen. Der Herr hätte diesen Güsel subito in den See Genezareth geworfen. Der Herr fackelt nicht lange. Aber mit uns Bodentruppe kann man das ja machen. Nach achtunddreißig Jahren Innendienst. Kollegium St. Fidelis. Humanistisches Gymnasium. Lebensschule. Achtunddreißig Jahre. Pater Salvian: Latein, Mathematik, Trigonometrie. Eigentlich Soziologie! Université de Fribourg. Freiburg im Üchtland. Depuis millehuitcentquatrevingtneuf. Früher gab es zwei führende Soziologen in diesem Land. Der andere ist jetzt gestorben. Gott hab' ihn selig. Aber nein, nein, nein: Latein, Mathematik, Trigonometrie. Was für eine Verschwendung! Deo et juventute. Was für eine fürchterliche Verschwendung! Und was ist mir geblieben? Ein Vélosolex, ein französisches. Achtunddreißig Jahre. Jeden Morgen Frühmesse. Sieben Mal in der Woche. Fünf Uhr zehn in der Klosterkapelle.
(singt) Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison. Punkt sechs Uhr zu den Knaben. Ffft, ffft, ffft, mit der Rute. Außer sie sind brav. Sind sie zum Glück nie. Achtunddreißig Jahre Latein, Mathematik, Trigonometrie.

Morten
Würden Sie bitte das Wasser andrehen?

Pater Salvian
Und Kalligraphie. Kalligraphie für die Knaben. Was für eine Verschwendung! Ich! Der Soziologe. Und der andere ist jetzt gestorben. Kann es sein, daß ich Sie kenne?

Morten
Das Wasser!

Pater Salvian stellt das Vélosolex an die Wand und dreht das Wasser an. Der Drehknopf quietscht, die Wasserleitung winselt. Der Wasserhahn spuckt einen dünnen Strahl ins Waschbecken.

Morten hält den Atem an, konzentriert sich auf das Rauschen des Wassers und seufzt erleichtert. Endlich. Morten pinkelt in den Blecheimer.

Pater Salvian
Was haben Sie angestellt?

Morten
Ich bin unschuldig.

Pater Salvian
Ich weiß. Das sagt jeder.

Morten
Das sagt jeder, wenn ich das sage.

Pater Salvian
Ohne Grund sind Sie nicht hier.

Morten
Ohne Grund schon. Aber mit einem Urteil.

Pater Salvian
Wie lautet das Urteil, mein Sohn?

Morten
Drei Jahre.

Pater Salvian
Keine Steuern bezahlt?

Morten
Kein Kind geschändet!

Das Vélosolex fällt scheppernd zu Boden.

Pater Salvian
Was haben Sie mit den Knaben gemacht?

Morten dreht sich um und pinkelt weiter. Der Strahl trifft die Kutte von Pater Salvian.

Pater Salvian
Pfui Teufel.

Morten
Was soll ich mit Knaben machen?

Pater Salvian        
Der Kirche ist nichts Menschliches fremd.

Morten
Tut mir leid. Es wird riechen, aber es gibt keine Löcher.

Pater Salvian
Ein Mann muß sich beherrschen können.

Morten
Ich bin froh, daß ich überhaupt können kann.

Krupp humpelt mit nacktem Hintern über die Bühne. Er holt eine Zeitung; die Klorolle ist leer.

Krupp riecht argwöhnisch an der Kutte von Pater Salvian.

Pater Salvian
Und wer sind Sie?

Krupp
Coco Chanel.

Pater Salvian
Auch Franzose?

Krupp
Pariser.

Pater Salvian
Sie kennen den Standpunkt der Kirche.

Krupp setzt sich wieder aufs Klo und reißt die Zeitung in Streifen.

Pater Salvian
Sie haben vom verbotenen Apfel genascht.

Morten
Was wollen Sie von mir?

Pater Salvian
Ich arbeite jetzt in der Seelsorge. Nach achtunddreißig Jahren...

Morten
Danke. Wo soll ich unterschreiben?

Pater Salvian
Wir sind keine Sekte!

Morten
Und nehmen kein Geld.

Pater Salvian
(macht eine unbestimmte Handbewegung) Ach...

Krupp
Ach!

Pater Salvian
(zu Krupp) Was wollen Sie damit sagen?

Morten
Der Apfel lügt.

Pater Salvian
Sie sind ohne Schuld?

Morten
Nein. Unschuldig.

Krupp
(furzt) Klugscheißer.

Pater Salvian
Wollen Sie wissen, warum unser ehrenwerter Pater Rektor mich zu Leuten wie Ihnen schickt? Nach achtunddreißig Jahren...

Morten
Frühmesse.

Pater Salvian
Schuldienst.

Morten
Mit dem Vélosolex.

Pater Salvian
Ich habe keinen Ständer gefunden.

Morten
Was?

Pater Salvian
Ich müßte aber einen haben.

Morten
Sind Sie sicher?

Pater Salvian
Früher hatte ich einen.

Morten
Neunzehnhundertfünfzehn.

Pater Salvian
Gestern.

Morten stellt das Vélosolex auf den Ständer.

Pater Salvian
Verstehen Sie etwas von dieser Höllenmaschine? Wenn Sie diese Warze Luzifers wieder in Gang setzen können, seien Ihnen alle Sünden erlassen.

Morten
Es liegt an der Kerze.

Morten dreht die Zündkerze heraus.

Morten
Putzen!

Pater Salvian
Ich werde sie in die Wäsche geben.

Morten
Wollen Sie den ganzen Weg schieben?

Pater Salvian nimmt Krupp die Zeitung weg und reinigt die Zündkerze.

Krupp
Halt!

Pater Salvian
Vergelt's Gott.

Morten
Ich denke, man hat sie hergeschickt, um mir zuzuhören.

Pater Salvian
Ich höre schon eine ganze Weile zu.

Krupp
Die Zeitung!

Morten
Sie erzählen mir Ihr Leben.

Pater Salvian
Ein Priester darf auch einmal etwas sagen.

Morten
Was zahlt Der Herr pro Zeile?

Pater Salvian
(beleidigt) Bitte.

Schweigen.

Pater Salvian
Ich höre.

Schweigen.

Pater Salvian
Ich höre nichts.

Krupp
Ich möchte mir den Hintern putzen.

Pater Salvian
Vielleicht sollten wir beten: Pater noster qui est in caelis / sacrificatur nomen tuum / adveniat regnum tuum / sicut in caelis et in terra / panem nostrum cottidianum da nobis hodie / et dimitte nobis debita nostra / sicut et nos dimittimus debitoribus nostris / et ne nos inducas intendationem / sed liberanos a malo.

Morten
Amen.

Krupp        
Amen. Könnte ich jetzt meine Zeitung...?

Morten
Ich könnte dir einen Hunderter wechseln.

Krupp
Du kannst mich am Arsch lecken.

Morten
Hier ist schon das Essen zum Kotzen.
(zu Pater Salvian) Schauen Sie mich an, Herr...

Pater Salvian
Pater Salvian.

Morten
Herr Salvian.

Pater Salvian
Pater.

Morten
Hochwürden.

Pater Salvian
In Gottes Namen.

Morten
Schauen Sie mich an.
(entblößt seinen Bauch) Was sehen Sie?

Pater Salvian
Nun.

Morten
Ja?

Krupp
Im siebten Monat schwanger.

Morten
Dich hat keiner gefragt.

Pater Salvian
(zieht seinen Bauch ein) Ich selbst bin nicht gerade sportlich.

Morten
Ich bin kein Kaplanvikardingsweissderteufelhochwürden, Hochwürden.

Pater Salvian
Pater.

Morten
Ich habe eine Frau. Wollen Sie wissen, warum?

Pater Salvian
(indigniert) Ich kenne das Leben, mein Sohn.

Morten
Das kann ich mir vorstellen.

Pater Salvian
Was wollen Sie damit sagen?

Krupp
Die Zeitung!

Morten
Ich kann nicht nein sagen. Ich konnte in meinem Leben nie nein sagen. Können Sie sich das vorstellen? Das können Sie nicht. Wie soll einer, der nicht ja sagen kann, einen andern verstehen, der nicht nein sagen kann.

Krupp
Das soll einer verstehen.

Pater Salvian
Das Leben ist grau. Schwarzweiß ist es meistens nicht.

Krupp
(furzt) Klugscheißer.

Morten
Ich fahre den Bus. Meinen alten Bedford. Gemüse. Die Post. Bier. Touristen. St. Agnes ist eine kleine Insel. Und Schulbus. Kora und die Mädels. Kora ist meine Tochter. Die Knaben gehen zu Fuß. Müssen später zur Armee. Im Schulbus fahren nur die Mädels. Bei mir vorne auf der Sitzbank ist die Fahrt umsonst. Natürlich wollen alle bei mir sitzen. Das Fahrgeld sparen! Aber ich bin gerecht. Jeden Tag sind zwei andere Mädels an der Reihe. Zum Abschied gibt es einen Klaps auf den Hintern.

Krupp
Du fickst Kinder.

Morten
Ich kann nicht nein sagen. Ich konnte in meinem Leben nie nein sagen. Ich habe immer sofort kapituliert. Vor jeder Versuchung. Ich esse mehr als ich scheißen kann. Ich... Denken Sie, meine rote Nase kommt von der Sonne? Aber Kora ist meine Tochter. Ich bin unschuldig. Kora ist meine Tochter. Ich würde mir eher die Hand abhacken lassen.

Krupp humpelt mit nacktem Hintern über die Bühne. Er spuckt Morten ins Gesicht.

Krupp
Du fickst Kinder. Wäre ich noch Soldat, ich würde dir die Eier wegschiessen.
Personen

Kora.
Morten, Koras Vater.
Isabel, Koras Mutter.
Linda, 15 Jahre alt.
Krupp, Verbrecher.
Pater Salvian, Kapuziner.
Ein Bühnenarbeiter.
Nummer fünf,
und die anderen Kandidatinnen der "Miss-Atlantik"-Wahl.
Musikanten: Fiedel, Blechflöte, Bodhrán, Uilleann pipe.
Publikum.


Orte

Im Gefängnis.
Beim Leuchtturm.