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In dem kleinen Andorra (das nichts mit dem Pyrenäenstaat zu tun hat) regieren Intoleranz und Ablehnung allem Fremdem gegenüber – hinter der Fassade selbstgefälliger Wohlanständigkeit, versteht sich.

 

Der Lehrer Can, verheiratet, eine Tochter, hatte schon vor etlichen Jahren einen kleinen Jungen als Pflegesohn in die Familie aufgenommen. Dabei hat er verschwiegen, daß Andri sein unehelicher Sohn ist. Stattdessen gibt er ihn als Juden aus, den er vor den Feinden, den „Schwarzen“, retten wollte.

 

Für jeden ist Andri nun ein Jude, anders, berechnend, feige, „man hat’s im Blut“, „keiner kann aus seiner Haut“, „Du bist ja gut  – nur auf deine Art“  – drohend ziehen die bösen Geister einer bestialischen Rassenideologie auf. Bis Andri sich die Eigenschaften zulegt, die man ihm immer zugeschrieben hat, bis er das Bildnis, das andere sich von ihm gemacht haben, zu  seinem eigenen macht. Als er erfährt, daß er kein Jude ist, kann und will er das nicht mehr annehmen. Er wird als Sündenbock geopfert.

 

*

 

Andorra ist kein historisches Drama. „Die ‚Schwarzen‘ sind nicht die SS, der Judenschauer ist nicht Eichmann, und nicht einmal der Jude ist ein Jude. Das Stück ist ein Modell  – es ist nicht die Darstellung dessen, was war, sondern dessen, was jederzeit und überall möglich ist.“ Heute oder morgen kann der Jud Kommunist heißen oder Kapitalist oder Gelber, Weißer, Schwarzer, Türke, Vietnamese – je nachdem.

 

Andorra ist ein Stück über Vorurteile, Anpassungsdruck und Opportunismus – ein Stück über die Biedermänner, die applaudierend zusehen, wenn Asylantenheime brennen. In Andorra schlägt die Gemütlichkeit ganz gemütlich in Bestialität um, eine moralisierende Bestialität, die als Beweis der Unschuld saubere Hände vorweisen kann.

Andri

Es ist aber so, Vater, wir lieben einander. Davon zu reden, ist schwierig. Seit der grünen Kammer, als wir Kinder waren, reden wir vom Heiraten. In der Schule schämten wir uns, weil alle uns auslachten: Das geht ja nicht, sagten sie, weil wir Bruder und Schwester sind! Einmal wollten wir uns vergiften, weil wir Bruder und Schwester sind, mit Tollkirschen, aber es war Winter, es gab keine Tollkirschen. Und wir haben geweint, bis Mutter es gemerkt hat ‒ bis du gekommen bist, Mutter, du hast uns getröstet und gesagt, daß wir gar nicht Bruder und Schwester sind. Und diese ganze Geschichte, wie Vater mich über die Grenze gerettet hat, weil ich Jud bin. Da war ich froh drum und sagte es ihnen in der Schule und überall. Seither schlafen wir nicht mehr in der gleichen Kammer, wir sind ja keine Kinder mehr. (Der Lehrer schweigt wie versteinert.) Es ist Zeit, Vater, daß wir heiraten.

 

Mutter

Ich versteh’ dich nicht, Can, ich versteh’ dich nicht. Bist du eifersüchtig? Barblin ist neunzehn, und einer wird kommen. Warum nicht Andri, wo wir ihn kennen? Das ist der Lauf der Welt. Was starrst du vor dich hin und schüttelst den Kopf, wo’s ein großes Glück ist, und willst deine Tochter nicht geben? Du schweigst. Willst du sie heiraten? Du schweigst in dich hinein, weil du eifersüchtig bist, Can, auf die Jungen und auf das Leben überhaupt, und daß es jetzt weitergeht ohne dich.

Andorra von Max Frisch