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Bücher Ausstellungen Presse Über Arnold Odermatt Prints Photos 39 Fragen an Arnold Odermatt

Landjäger Arnold Odermatt schlüpft aus seiner tadellos gebügelten Uniformhose und watet zum Wrack im See – nicht, um Verletzte zu bergen, der Unfallenker hat sich längst selbst retten können. Odermatt späht in alle Richtungen und hält seine Rolleiflex im Anschlag. Er umkreist den schrottreifen Käfer auf der Suche nach dem besten Blickwinkel, aus dem sich das Unglück dokumentieren läßt. Die Aufnahme, die er schließlich entwickelt, zeigt eine verträumte Idylle. Wie ein gestrandetes Fabelwesen liegt die zerbeulte Karosserie im seichten Uferwasser, als habe das Blechtier versucht, mit letzter Kraft ans Ufer zu kriechen, und sei kurz vor dem Ziel verendet. Traurig läßt Zeuge Baum im Hintergrund seine Äste hängen.

 

Die lyrische Harmonie des Stillebens, diese Natura-morta-Idylle, interessiert Odermatt nur am Rande. Er will lediglich die Folgen des unheilvollen Geschehens festhalten: für die Akten, den Unfallbericht, für die Versicherungsgesellschaft, die den Schadensfall abwickeln muß. (…) Niemals entgeht ihm Wesentliches. Intuitiv erfaßt er die surreale Komik einer Karambolage, zeigt in den Bildern das großes Erstaunen über die plötzliche Hilflosigkeit von Mensch und Maschine nach dem Zusammenstoß. Sein Künstlerauge erkennt in den Wracks gewaltsam geformte Kunstwerke: Schrottskulpturen.

Klaus Kleinschmidt: ...dabei entstand Kunst, Süddeutsche Zeitung / Magazin, München, 7. Januar 1994

 

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Am 5. Januar 1948 trat Arnold Odermatt in das von Wachtmeister Paul Lussi geführte Nidwaldner Polizeikorps ein. Er wurde Kollege von sieben Gemeindepolizisten; damals gab es in den Gemeinden noch Polizeistationen. Arnold Odermatt bekam keinen Gemeindekreis, sondern vom Regierungsrat alle polizeilichen Nebenaufgaben zugeschanzt. So wurde er nebenamtlicher kantonaler Fischereiaufseher, nebenamtlicher kantonaler Kontrolleur im Fabrikinspektorat, nebenamtlicher kantonaler Schiffsinspektor und Chefstellvertreter des Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamtes. Die Aufzählung zeigt, daß der Kanton alle neuen Aufgaben und alle Lücken, die „polizeiverdächtig“ waren, dem Landjäger, der der Polizeidirektion zur direkten Verfügung stand, zuwies.

 

Als Arnold Odermatt in den Polizeidienst trat, gab es sechshundertfünfzig immatrikulierte Motorfahrzeuge, die Hälfte davon Motorräder und Lastwagen. Es gab keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Verkehrssignale waren an einer Hand zu zählen. Die Polizei selbst hatte kein eigenes Fahrzeug, sondern ging mit dem Velo auf Landstreicher- und Verbrecherjagd oder zu Verkehrsunfällen. Es war der damaligen Konstellation im Polizeikorps zuzuschreiben, daß Arnold Odermatt früh zum Verkehrsspezialisten wurde. So wurde er Verkehrsinstruktor, Motorfahrzeugexperte für landwirtschaftliche Traktoren, und als es darum ging, eine eigentliche Verkehrspolizei aufzubauen, war er der richtige Mann.

Werner Flury: Kein eigenes Fahrzeug, Nidwaldner Volksblatt, Stans, 22. Mai 1990

 

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„Zeit spiegelt sich nicht nur in der Uhrzeit und Geschwindigkeit, sondern auch in Rhythmen“, schreibt die schwedische Physikerin Bodil Jönsson in ihrem Buch Zeit – wie man ein verlorenes Gut zurückgewinnt, und weiter: „Wenn der Rhythmus stimmt, bringt man fast grenzenlose Toleranz auf. Wenn der Rhythmus dagegen nicht stimmt, gerät man wegen jeder Kleinigkeit aneinander.“ Über vierzig Jahre hielt der 1925 geborene Nidwaldner Polizist Arnold Odermatt mit seiner Kamera Verkehrsunfälle fest. Was passiert, wenn der Rhythmus zweier Fahrzeuglenker nicht übereinstimmt und es zum Crash kommt, ist auf den Bildern festgehalten.

 

Unfälle, nichts als Unfälle, und doch erzählen die Bilder mehr. Die in der Landschaft deponierten Reste schnittiger Fahrzeuge, die ineinander verkeilten Autos scheinen wie eine vom Menschen künstlich hergestellte Metapher für die Katastrophe zu sein. Und wenn man es nicht besser wüßte, dächte man, Odermatt habe die Motive seiner Bilder arrangiert. Die Toten, die Verletzten sind bereits abtransportiert, und man sieht nur noch die Schaulustigen, die Polizisten, die verbeulten Autos. Mit untrüglichem Sinn für das beredte Detail verleiht der Photograph den Ereignissen einen Charakter. So kommen einem diese Autos aus den sechziger Jahren wie Tiere vor, mit Gesichtern, Gesten und Ausdrucksweisen. Wenn dann der Lastwagen mit der Schnauze im See liegt und nur noch seinen Arsch raushält, macht das die Erniedrigung einer Karambolage deutlich, und fast sieht es aus, wie wenn sich hier einer über die Fortschrittsgläubigkeit oder über die angebliche Überlegenheit der Technik lustig macht. Ein Auto frißt ein Fahrrad, ein Laster zertrampelt einen Käfer, Sportwagen und PKW finden ihre Kühlerhauben ineinander verschraubt – Zusammenstöße wie mißglückte Küsse. Und immer wieder die Landschaft als Bühnenbild für diese Geschichten von überhöhter Geschwindigkeit, von Trunkenheit und Leichtsinn, für diese pervertierten Blechmonster, die vom jähen Ende vieler Ziele und Hoffnungen zeugen.

 

Der Regisseur Urs Odermatt hatte eines Tages auf dem Estrich den schön geordneten Nachlaß seines Vaters entdeckt und erkannte sofort den Wert der Photographien. Obwohl der Sohn nicht nur angenehme Erinnerungen an seine Jugend als „Bueb vom Tschugger“ und die Tätigkeit seines Vaters bewahrt hatte, edierte er ein Buch „Arnold Odermatt – Karambolage“, schrieb auch das Vorwort dazu, in dem er erzählte, wie der Vater jeweils zu den betroffenen Familien hingehen und sich ins Wohnzimmer setzen mußte, um die schlimme Botschaft zu überbringen. Auch auf den Bildern sind die Dramen zu spüren, und man schaut mit aufsteigendem Entsetzen auf das Kinderfahrrad, das unter der Kühlerhaube liegt, oder auf die säuberlich hingestellte Tasche, aus der ein frisches Brot herausragt. Die Linien, die nachträglich die Ereignisse auf den Straßen nachzeichnen und verständlich machen sollen, zeigen nur Hilflosigkeit auf. Man kann ein solch unfaßbares Ereignis wohl nach-, aber niemals vorzeichnen, und letztendlich geht es einfach immer wieder zu schnell. So liegt der Pierrot-Clown mit dem Kopf im Schnee, wir lachen, weil es uns jederzeit auch passieren kann; das Auto wird zur unbarmherzigen Natur, der Polizist zum unbestechlichen Philosophen.

Johanna Lier: Mißglückte Küsse, Die Wochenzeitung, Zürich, 27. Mai 2004

 

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„In den See, in den See; mit einem Gewicht an den Füßen!“, tönt es aus der gelben Masse klebrigen Fondues, die sich zäh zerlaufend im Palast des helvetischen Statthalters Feistus Raclettus ausbreitet. Zwar sind die Akteure in dem verklumpten Käsehaufen nicht mehr unterscheidbar, trotzdem ist das Schicksal des römischen Unglücksraben, der soeben sein Brotstücken im Kessel verloren hat, besiegelt: ab in den Genfer See. Dort wird er Asterix und Obelix treffen, die sich zu nachtschlafender Zeit ebenfalls gerade im Gewässer verirrt haben. Wäre der Römer aber im 20. Jahrhundert im See gelandet, hätte er vielleicht ein dankbares Motiv für Arnold Odermatt abgegeben.

 

Der mittlerweile pensionierte 76jährige Polizeiphotograph archivierte von den fünfziger Jahren an mit seiner Rolleiflexkamera nicht nur das Unfallgeschehen auf den Schweizer Autobahnen im Kanton Nidwalden, sondern auch allerlei Alltägliches aus der Polizeiwache und dem dörflichen Leben. Selbst zwei Polizisten, die sich in Taucheranzügen damit abmühen, ein Verkehrsschild aus den wahrscheinlich kalten Fluten zu retten, waren ihm ein Photo wert.

 

Nie hätte der Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwalder Polizei, damit gerechnet, als Dokumentarist schweizerischen Lebens- und Kleinstadtdramas noch zu internationalen Ehren zu gelangen. Zwar werkelte er schon während seines langen Berufslebens nicht im Verborgenen. Aber der durchschlagende Erfolg seines Bildbands Meine Welt überraschte ihn dann doch.

 

Als Odermatt 1998 während der Buchmesse in einem Frankfurter Polizeipräsidium eine Photoserie ausstellte, wurde Harald Szeemann auf den fachfremden Newcomer aufmerksam. Der Kurator lud Odermatt dann flugs zur diesjährigen Biennale in Venedig ein, handgefertigte Abzüge seiner Bilder werden nun teuer gehandelt.

 

Ausgangspunkt seiner Photographie war für Odermatt der Berufsalltag. Auf der Wache und beim Crash vor Ort schoß er Photos, die abseits aller spektakulären Inszenierung die Schönheit im Unfallchaos mit ebenso kühler Präzision beschreiben wie den Einbruch des unerwarteten Ereignisses in die wohl geordnete Kleinstadtidylle. Den Polizisten interessiert nicht das hinter dem Bild liegende Drama, das auch stattgefunden haben muß, wenn die Karosse des Kabrios restlos zerbeult kopfüber im See gelandet ist, sondern die wohl geordnete Graphik. Nur auf einem Photo liegt ein kleiner Junge niedergestreckt auf der Straße. „Aber das ist gestellt, der wollte sich unbedingt dort in das Bild legen“, behauptet Tina Vlachy von der Springer & Winkler Galerie, die in Berlin Odermatts Photos vertreibt.

 

Anders als bei Mell Kilpatrick, der in Amerika ebenfalls zahllose Zusammenstöße in dramatischer Schwarzweißmanier festhielt, fließt bei Odermatt niemals Blut. Dennoch sind die Bilder weit entfernt von reiner Dokumentarphotographie. Einäugig in die Kamera starrende Autowracks mit zähnefletschendem Kühlergitter finden sich ebenso wie der hilflos gestrauchelte Citroën, dem das Hinterteil abgerissen ist. „Scharf und genau muß das Photo sein“, konstatiert Odermatt. Trotzdem lichtete er nicht nur das Unfallgeschehen, sondern auch den dramatischen Wolkenhimmel und das nebelverhangene Bergpanorama ab.

 

Um den dümpelnden VW Käfer wirklich paßgerecht zu inszenieren, stakste er auch schon einmal mit Gummistiefeln in den See. Jeder Winkel, jedes Delail sollte auf den Photos selbst dann exakt festgehalten werden, wenn er sich stets nur eine Aufnahme je Motiv gestattete.

 

„Er war aber kein verkanntes Genie“, darauf besteht Tina Vlachy. Zwar bereitete es Odermatt einige Mühe, die Photographie als anerkanntes Medium zu einer Zeit zu etablieren, als seine Chefs noch behaupteten: „Photos als Beweismittel, das geht nicht, die sind ja manipulierbar“ – weshalb die Polizisten zeichnen lernen mußten. Auch war es keineswegs selbstverständlich, daß Odermatt eine Sonderzahlung von siebzig Franken für einen Wasseranschluss in der als Dunkelkammer eingerichteten Besenkammer des Nidwalder Polizeireviers erhielt. Aber der leidenschaftliche Photograph strebte auch gar nicht nach den Weihen einer Kunstszene, die ihn nun rücksichtslos adoptiert. Vor allem waren es seine Kollegen, die das ungewöhnliche bildnerische Talent des Dienststellenleiters schließlich doch anerkannten. Das Resultat waren Photos, so ordentlich, daß der Kommentar des Hotelwirts aus „Asterix bei den Schweizern“ auch hier die Mentalität gut beschrieben hätte: „Eine Delegation von Barbaren wollte nicht bleiben. Es war ihnen zu sauber.“

Richard Rabensaat: Die Stille nach dem Crash, Die Tageszeitung, Berlin, 5. November 2001

 

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Am Lebensweg des Künstlers Arnold Odermatt ist so ziemlich alles ungewöhnlich. Aus dem ehemaligen Kantonspolizisten im schweizerischen Nidwalden, der Ende der vierziger Jahre seine Photographien vom Dienstalltag gegen das Mißtrauen von Kollegen und Vorgesetzten durchsetzen mußte, wurde ein  weltberühmter Photograph, dessen Werke sich heute in vielen namhaften Sammlungen befinden. Seine Entdeckung erfolgte erst spät – drei Jahre nach seiner Pensionierung – und durch den eigenen Sohn. Beim Durchsehen der alten Negative auf dem Speicher wußte der Regisseur Urs Odermatt sofort: „Das ist ein großer Fund!“ Bereits die erste Buchveröffentlichung Meine Welt brachte 1993 den Durchbruch, zahlreiche Ausstellungen folgten. 2001 lud ihn Harald Szeemann auf die Biennale von Venedig ein. So avancierte Arnold Odermatt im Alter von über siebzig Jahren mit surrealen Schwarzweißfotos von Unfallorten und verbeulten Karosserien (Karambolage) zum Star einer Kunstszene, die gewöhnlich für ihren grassierenden Jugendwahn bekannt ist.

 

Ein ungläubiges Staunen ist Arnold Odermatt heute noch anzumerken: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden!Jahrelang hat sich niemand für meine Bilder interessiert und dann das.“ In Begleitung seines Sohnes Urs Odermatt ist der 86jährige Künstler nach Berlin gekommen, um seine Ausstellung Heimat in der Galerie Buchmann zu eröffnen. Inmitten seiner Bilder strahlt der freundliche Herr im grauen Anzug die heitere Gelassenheit eines Menschen aus, der niemandem mehr etwas beweisen muß. Arnold Odermatt genießt seinen späten Ruhm, den er als Geschenk begreift. „Ich habe Glück, ich weiß das“, sagt der Photograph lächelnd. „Und ihm habe ich alles zu verdanken“, stellt er seinen Sohn Urs Odermatt vor, der das Werk seines Vaters nach und nach in verschiedenen Werkgruppen herausgibt.

 

Man kann sich kaum vorstellen, daß dieser zurückhaltende und feinsinnige Mann mit der leisen Stimme einmal als Polizist gearbeitet und mit seiner Rolleiflex die furchtbarsten Unfälle dokumentiert hat. Arnold Odermatt bestätigt: „Ich habe schon gemerkt, daß ich feinfühliger war als meine Kollegen, und wenn etwas Schlimmes passierte, besonders mit Kindern, konnte ich mit niemandem reden. Das Photographieren – das ja eine gewaltige Arbeit war, weil ich alles selbst einrichten mußte – hat mich davon abgelenkt.“ Um auszuhalten, was er sah, wenn er am Unfallort eintraf, mußte Odermatt das Gesehene bannen und sein eigenes Bild über das erste Bild des Schreckens legen. Aus diesen Privatphotographien, die Odermatt mit viel Geduld nach dem dienstlichen Bilddokument aufnahm, ist das Grauen bereits getilgt worden. Es sind aufgeräumte, meist menschenleere Orte, in denen der Photograph den verkeilten, zu Schrott gefahrenen Fahrzeugen eine skulpturale Schönheit verleiht. Wenn man Arnold Odermatt zuhört, begreift man, daß es hierbei auch um die Rettung der eigenen seelischen Unversehrtheit ging. Es sind Bilder, die heilen und befrieden sollten.

 

Der Wille zum Glauben, daß wieder alles gut werden kann, hat Arnold Odermatt durch ein langes Polizistenleben getragen. Es ist eine Haltung, die, gepaart mit einer spürbaren Liebe zur Natur und zu den Menschen, auch die Serie Heimat mit Bildern aus den fünfziger bis siebziger Jahren kennzeichnet. In kaum einem anderen Bild tritt dieser Blick auf die Welt so deutlich zutage wie in dem Photo, das Odermatt bei einem Nachteinsatz von einem Oberförster aufnahm. Erleichtert sitzt dieser im Auto und hält ein Reh im Arm, das er gerettet hat (Buochs, 1954). Das Blitzlichtphoto erinnert an Weegee, jenen anderen berühmten Tatortphotographen, dessen Zynismus Odermatt nicht teilt.

 

Die Schwarzweißphotos dieser „schweizerischsten“ seiner Serien dokumentieren auch eine Zeitenwende in Odermatts Heimatkanton Nidwalden – den Einzug der Moderne in die ländliche Region am Vierwaldstättersee. In prägnanten, sorgfältig komponierten Aufnahmen, die den Einfluß seines Vorbilds, des Magnum-Photographen Werner Bischof verraten, fängt Odermatt Handwerk und lokales Brauchtum ein. Man sieht Hufschmiede, Falkner und Schuster bei der Arbeit und zwei Senner, die das Heu einbringen. Eine echte Geißenpeter-Idylle zeigt Odermatts eigenen Vater mit Tirolerhut, Pfeife und Wanderstock beim Bergwandern mit Enkel Urs (Wolfenschiessen, 1958).

 

Dem stehen ebenso viele Photos gegenüber, in denen der Chronist Odermatt in den sechziger Jahren den Bau der ersten Autobahn in der Schweiz dokumentierte, die mitten durch den vormals nur durch eine Zugbrücke erreichbaren Kanton führte. „Morgens kamen Horden von Touristen, die um fünf Uhr wieder wegfuhren, dauernd gab es Unfälle und Staus. Damals wollten wir die Autobahn, denn so konnte es nicht weitergehen!“, erinnert sich Arnold Odermatt. Sein Sohn Urs Odermatt ergänzt kritisch: „Der Ort war eine Sackgasse, man mußte auf demselben Weg rausfahren, auf dem man reingekommen war. Die Autobahn hat aus einem Sackgassen-Kanton einen Transitkanton gemacht, das war eine ungeheure Veränderung.“

 

Die Hängung macht diesen Umbruch mit pointierten Gegenüberstellungen sinnfällig. Mit feinem Bildwitz tritt eine schier endlose Blechlawine auf einer doppelstöckigen Autobahn (Hergiswil, 1982) in einen Dialog mit einem älteren Bild, das zeigt, wie eine Schafherde neben Bahngleisen hergetrieben wird (Wolfenschiessen, 1958). Solche leisen Kommentare Odermatts verweisen auf die Ambivalenz des zunächst freudig begrüßten Fortschritts. Ein anderes Bilderpaar zeigt, wie Odermatt den Einbruch einer Katastrophe in die beschauliche Bergwelt stillstellt. Auf dem linken Bild sieht man die Bergung eines in den Vierwaldstättersee abgestürzten Mirage-Kampfjets, der sich in dieser Umgebung vollkommen unwirklich ausnimmt (Buochs, 1969). Rechts daneben hängt die klassische Postkartenidylle eines Sonntagsausflugs. Frau Odermatt und Sohn Urs genießen die herrliche Aussicht auf die spiegelnde Oberfläche eben jenes Sees, aus dem gerade noch ein Jet gehievt wurde – eine Gegenüberstellung wie ein Filmschnitt, an der David Lynch seine helle Freude hätte.

 

Diese neuesten Bergungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Bildarchiv von Arnold Odermatt machen große Lust auf mehr. Darf man sich nach den Publikationen Meine Welt, Karambolage, Im Dienst und In zivil etwa schon auf den nächsten Bildband freuen? Odermatts Sohn hält sich bedeckt. „Falls das Buch kommt, geht es wahrscheinlich in Richtung Nach Feierabend“, verrät der Herausgeber nur. Das läßt hoffen.

Jutta von Zitzewitz: Aus Nidwalden in die Welt, Galerie Buchmann, Berlin, 1. Juli 2011

 

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Hände hoch oder es knallt! Ab sofort wird im Museum scharf geschossen. Jedenfalls auf den Photographien von Arnold Odermatt. Der nämlich hat über Jahrzehnte hinweg seinen Alltag als Schweizer Kantonspolizist dokumentiert. Wilde Verbrecherjagden waren da zwar eher die Ausnahme. Aber geübt werden mußte der Umgang mit der Waffe allemal. Aufgestellt also in Reih und Glied, die fesche Uniform zurechtgezupft und proper gezielt, meine Herren!

 

Die lehrbuchtaugliche Inszenierung entstand in den sechziger Jahren. Ebenso die Beweisaufnahme in der Badehose: Als Odermatt die Kollegen beim Erste-Hilfe-Training ablichtet, ahnt freilich keiner, daß neugierige Kunstfreunde dereinst die blanken Bäuche begutachten würden. Sein Labor betrieb der erste eidgenössische Polizeiphotograph zunächst in der Besenkammer.

 

Von der Verkehrskontrolle bis zur Karambolage hielt der heute sechsundsiebzig Jahre alte Ruheständler die Ereignisse auf den Straßen am Vierwaldstättersee fest. Aber auch pittoreske Details wie verbeulte Fahrradreifen oder zugeschneite Hinweisschilder entgingen seinem wachsamen Auge nicht. Zu den markantesten Eindrücken gehört das Bild eines im Wasser versinkenden VW-Käfer. Vorbei der Aufprall, überstanden der Schreckensmoment. Die Scherben sind weggefegt, die Krankenwagen haben die Unfallstelle verlassen. Friedliche Stille breitet sich aus – Schrottimpressionen in idyllischer Landschaft.

 

Gerhard Finckh, der Arnold Odermatt im Museum Morsbroich (Leverkusen) die erste deutsche Einzelausstellung ausrichtet, überzeugte der „Gestaltungswille“ des Schweizers: Nach dem Abrücken der Ordnungshüter zückte dieser stets ein zweites Mal die Kamera – für sein privates Archiv. Entdeckt und in den Kunstbetrieb eingeschleust wurde Odermatt indes von einem Landsmann, dem Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Ihm imponierte der „unverbrauchte Blick“ des Außenseiters.

 

So viel Authentizität, in der Wirkung mal rührend altmodisch, mal unfreiwillig komisch, dürfte auch der Markt honorieren. Ein Wiedersehen auf den Kunstmessen ist wohl unvermeidlich.

Marion Leske: Karambolage im Idyll, Die Welt, 7. Mai 2002

 

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Der weiße Fiat liegt mit eingedrücktem Dach und ohne Kühlerhaube auf der Seite an einen Baum gelehnt. Die Wucht des seitlichen Aufpralls muß das Auto in die Sommerwiese katapultiert haben. Weit hinten, nur noch unscharf zu sehen, weiden ein paar Kühe. Das Bild ist in mehrfacher Hinsicht symptomatisch für das Werk des Polizeiphotographen Arnold Odermatt. Ihn interessierte nicht das Drama des Unfalls, sondern die Anordnung der zerbeulten Blechkarossen in der gepflegten Landschaft. Zufällig verformte Autowracks werden in seinen Bildern zu Schrottskulpturen. Die Bilder wirken seltsam aufgeräumt. Weder Tote noch Verletzte noch Blut sind zu sehen, nicht einmal viele Splitter. Den tragischen Hintergrund klammert Odermatt aus, läßt ihn nur erahnen – etwa, indem ein Fahrrad auf der Straße liegt, die Umrisse eines Menschen als Kreidezeichnung auf dem Boden zu erkennen sind.

 

Nach den Unfällen zu photographieren, war für Odermatt – das Wort würde er nie brauchen – eine Art Therapie, um das Gesehene zu verkraften. „Es war schrecklich, wie Krieg“, erinnert sich der 82jährige beim Gespräch in einem Restaurant in Stans an vergangene Zeiten, als laute Motoren die Leute faszinierten: „Jeder durfte noch so schnell fahren, wie er wollte. Bis es chlöpfte.“

 

(...) Mehr als vierzig Jahre hat er als Polizeiphotograph Autos photographiert, die in den See stürzten, ins Feld hinaus katapultiert wurden, in andere Autos rasten, zerbeult oder zusammengestaucht auf dem Dach lagen; bis er 1990 als Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldner Kantonspolizei pensioniert wurde. Für die beste Perspektive stieg er auf Balkone und Hausdächer oder ließ sich von Kollegen abseilen, um Autos, die spektakulär über die Fahrbahn hinaus in den See ragten, besonders gut photographieren zu können.

 

Zum Polizisten wurde Odermatt 1948, weil er den erlernten Beruf, Bäcker-Konditor, wegen einer Allergie aufgeben mußte. Zuerst wollte man den bleichen und wenig kräftigen jungen Mann nicht ins Korps aufnehmen. In diesem Fall wäre Odermatt, wie er erzählt, in den damaligen Belgisch-Kongo ausgewandert, um dort sein Glück zu versuchen. „Die Koffer waren gepackt und alles bereit.“ Eine andere Alternative wäre dem Sohn eines Försters aus einer kinderreichen Familie in der Innerschweiz nicht geblieben. Zum Glück für die auf seine Photographien versessene Kunstwelt wurde er doch zum Polizisten gewählt: erstens, weil er Französisch konnte, zweitens, weil ein Landrat seinen Vater kannte – so ging damals eine Anstellung vonstatten. Ein Fahrrad, eine Schreibmaschine und die Handschellen mußte er zum Dienstantritt selbst mitbringen. Ein besonderer Polizist war Arnold Odermatt von Anfang an. Schon am zweiten Arbeitstag begann er, seinen Rapporten Photos als Beweise beizulegen, die für juristische und versicherungstechnische Zwecke gebraucht wurden. Er tat dies wider den Willen seines Vorgesetzten, der gegen das Photographieren als Beweismittel war, weil man Photos angeblich manipulieren könne. Üblich war damals das maßstäbliche Zeichnen. Die Kollegen auf den Posten in den Dörfern waren indessen froh, daß sie nicht zeichnen mußten, und riefen ihn zu den Unfällen. Als dem Polizeikommandanten von höherer Stelle bedeutet wurde, wie nuẗzlich die Photos seien, war das Eis gebrochen. Der Regierungsrat bewilligte kurze Zeit später achtzig Franken für eine Dunkelkammer, die Odermatt in einer Besenkammer der Polizei einrichtete. Den Vergrößerungsapparat beschaffte er selbst, weil er es nicht wagte, noch einmal Geld zu beantragen.

 

Zum Photographieren kam Odermatt bereits im zarten Alter von zehn Jahren. Er gewann beim Wettbewerb einer Seifenfirma eine Photokamera, doch kein Mensch in seiner Umgebung hatte je zuvor einen Photoapparat in der Hand gehabt. Ein erstes Problem war das Öffnen des Dings, ein anderes der fehlende Film. Mit Zaubervorstellungen bei Verwandten – Eintritt fünf Rappen – verdiente er sich das hierfür notwendige Geld. Das Knipsen beherrschte er allerdings noch nicht, der beim Dorfphotographen entwickelte Film war schwarz.

 

Für die Kunstwelt entdeckt wurde Odermatt erst nach seiner Pensionierung von seinem Sohn, dem Film- und Theaterregisseur Urs Odermatt. Dieser überredete ihn, einen Bildband zu einer ersten Ausstellung herauszugeben. Mit Karambolage, einem photographischen Tagebuch zu vielen Verkehrsunfällen, ist Odermatt bekannt geworden. 2001 präsentierte Harald Szeemann eine Gruppe von Karambolage-Bildern auf der Biennale Venedig. Seither zeigt Odermatt seine Arbeiten weltweit auf Ausstellungen. (…)

 

Daß Odermatt als Kunstphotograph international Karriere machen konnte, ist einer Begegnung mit dem „Magnum“-Photographen Werner Bischof, seinem großen Vorbild, zu verdanken. Beide warteten 1951 auf dem Bürgenstock auf den indischen Präsidenten Nehru. „Ich habe Nehru als Polizist beschützt, Bischof machte ein Buch über Indien.“ Er habe Bischof angesprochen und zu dessen Bildern gratuliert. Bischof gab den Rat: „Als Polizist kommen Sie zu Motiven, an die sonst keiner kommt. Die Negative nach Gebrauch nicht wie Kohlepapier wegschmeißen!“

 

Sprechen heute die Experten vom goldenen Schnitt, den sie in Odermatts Aufnahmen sehen, bringt dies den Autodidakten zum Schmunzeln. Daß die Fachwelt ihn auf den hohen „Kunst-Altar“ stellt, wundert ihn noch immer. Er kann es nicht fassen, daß er in der Ausstellung im Art Institute of Chicago von wildfremden Leuten umarmt und geküßt worden sei, als sie ihm zu den Bildern gratuliert haben. (...)

Martin Merki: Blech ohne Blut, Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2007

 

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Können Karambolagen schön sein? Dürfen wir sie als ästhetisch empfinden? Und gibt es so etwas wie eine Romantik ruinierter Autos, analog zu dem, was für Caspar David Friedrich zerklüftete Felsen waren? In schlechteren Fernsehfilmen sind Unfälle eine billige Gelegenheit, Figuren zu entsorgen. Im echten Leben hoffen wir, daß der Unfall nie passiert. Und wenn doch, daß wir noch herauskriechen.

 

Die Momente, die der 1925 geborene Schweizer Polizist und Photograph Arnold Odermatt mit der Kamera festgehalten hat, sind immer solche, in denen die Menschen den Unfallort bereits hinter sich gelassen haben. Man weiß nicht in welcher Verfassung, man sieht nur ihre Gefährte, manchmal nur verbeult, manchmal Wracks und wie zerknautschte Skulpturen im Raum an etwas oder ineinander verkeilt. John Chamberlain hat aus Blech und Autoschrott Kunst gemacht. Der Polizeiphotograph Odermatt wollte nie Kunst machen. Er tat das, was er von Amtswegen tun mußte: Unfallwagen ablichten. Und doch tat er mehr, knipste neben der möglichst objektiven Dokumentation für die Beweisführung oft noch ein zweites, gewagteres Bild.

 

Er hat inmitten aller Dienstroutine einen ästhetischen Blick für das Dramatische, Absurde, bisweilen auch Tragikomische von Unfallorten bewahrt. Seine Stilleben zeigen Blech- oder Totalschäden, die eine unheimliche Präsenz entfalten, wie für Stuntmanfilme oder Kunst im öffentlichen Raum inszeniert. Der Kleinwagen, der es wie ein gestrandetes Boot auf einer Verkehrsinsel mit dem Gerippe einer riesigen, dreiarmigen Straßenlaterne aufgenommen hat. Der Lkw, der quer in der Tunnelröhre steckt. Der heckschlanke Einheimische, der die Schnauze eines Deutschen auf der Uferstraße gerammt hat und jetzt waghalsig über dem See hängt, sprechendes Autokennzeichen OW (für Obwalden. Oder auch: Oh weh!)

 

Die Wirkung dieser Karambolagen ist auch deshalb so enorm, weil sie eine gefährdete Idylle dokumentieren – die Welt der Deformationen findet in der Schönheit wohlgeformter Straßenbänder und Landschaftsbilder statt. Nidwalden, am Südufer des Vierwaldstättersees gelegen, ist Postkartenschweiz pur, einer der Urkantone der Eidgenossenschaft. Die Epoche, in der Arnold Odermatt als kantonaler Verkehrsphotograph seinen Dienst tat, überspannt fast die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, mithin die Jahrzehnte, in denen Motorisierung und Mobilität in Europa stetig zunahmen – und mit ihnen die Zahl der Verkehrsunfälle. Regeln für mehr Sicherheit im Straßenverkehr wie inner- und außerörtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen, Promillegrenzen oder Anschnallpflicht haben sich erst im Lauf der Jahrzehnte etabliert. Mit den sogenannten Verkehrsdelikten hatte Odermatt sein gesamtes Berufsleben zu tun.

 

Daß überhaupt Photos von Unfällen entstanden, war schon eine Medienrevolution an sich. Als Arnold Odermatt 1948 bei der Polizei begann, waren Photographien vom Unfallort nicht üblich. Man fertigte allenfalls Zeichnungen an. Odermatt selbst schlug Photos vor. 1935, mit zehn, hatte der kleine Arnold seine erste Kamera, eine einfache Boxkamera, bei einem Preisausschreiben gewonnen.

 

Später besaß er eine Rolleiflex und photographierte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1990. Weil analoge Photographie mit jedem Abzug bares Geld kostete und die kantonale Polizei es vorsah, das Medium der Beweisphotographie nur bei Streitigkeiten um die Unfallschuld aktiv einzusetzen, entwickelte Odermatt viele Photos nie, sondern verwahrte nur die Negative. Er photographierte auf seinen Filmen nicht nur Unfälle, sondern auch Kollegen (deren Uniformen alle an Emil Steinberger in Die Schweizermacher erinnern).

 

Außerdem photographierte er privates und landschaftliches aus der Umgebung – womit sich eine Chronik über Jahrzehnte ergibt, die jedoch erst Jahrzehnte später gesichtet und als Kunst angesehen wurde. Es war Arnold Odermatts Sohn Urs Odermatt, der Filmregisseur, der aus dem väterlichen Konvolut der Negativstreifen auf dem Dachboden überhaupt so etwas wie Motivreihen identifiziert hat, als er in den neunziger Jahren einen Film über einen kauzigen Polizisten drehte (Wachtmeister Zumbühl).

 

1998, als die Schweiz sich auf der Buchmesse präsentierte, gab es im Polizeipräsidium Frankfurt am Main eine erste Einzelausstellung mit Odermatt-Karambolagen. Dank des Schweizer Starkurators Harald Szeemann war Odermatt dann auf der Biennale in Venedig 2001 präsent, Ausstellungen von Chicago bis Berlin (Galerie Springer) folgten, von Bildbänden im exquisiten Steidl Verlag begleitet.

 

Am morgigen 29. Mai wird Arnold Odermatt 95 Jahre alt. In der Kunsthalle Erfurt ist noch bis 31. Mai eine Werkschau zu sehen, „Odermatt“ bei Hartmann Books ist darüber hinaus empfehlenswert. Sein Leben als Polizeiphotograph erzählt nicht nur die Geschichte eines Arbeiter-, nein: Beamtenkünstlers. Es zeigt auch, wie Autodidakten den (fremden) Blick von außen benötigen, um etwas als Kunst zu definieren und zu akzeptieren.

 

Spätestens mit den Farbbildern, die verschmorte Heckleuchten wie zerfließendes Fruchteis aussehen lassen, war ein Dali-Surrealismus in Odermatts Unfallphotographien eingekehrt. Vielleicht auch Tortenguß, denn Arnold Odermatt war die allerersten Jahre seines Berufslebens Konditor, bevor ihn eine Mehlstauballergie in den Polizeidienst katapultierte. Verblüffend, wie ein beamteter Dokumentarphotograph sich über Jahrzehnte diesen frischen Blick für das dramatisch und banal Schöne verunglückter Kraftfahrzeuge bewahrt hat.

 

In der Zukunft selbstfahrender Autos wird die amtliche Unfallursache menschliches Versagen, mit der es Odermatt zu tun hatte, womöglich zur Gänze verschwinden. Die Narration individueller Selbstüberschätzung, Unachtsamkeit oder gar Trunkenheit am Steuer, die das Autofahren von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren mehr als heute zu einem Akt individueller, aber unter Umständen auch fahrläßiger Freiheit machte, wurde im Laufe der Jahrzehnte nicht nur durch Verkehrsregeln, sondern auch durch technisch verbesserte Sicherheit und künstliche Intelligenz von Automobilen kassiert. Algorithmen hegen die menschliche Haftung ein.

 

Dann werden uns die Unfallbilder, die uns Arnold Odermatt beschert hat, nur noch historisch an ein Zeitalter erinnern, in dem Freude am Fahren unkontrolliert, wild und eigentümlich frei vonstatten ging. Gut möglich, daß man diese Ära als Wilden Westen auf Rädern ansehen wird, obwohl sie jahrzehntelang so normal schien wie Rauchen ohne Rauchverbote.

 Marc Reichwein: Von der schrecklichen Schönheit der Autowracks, Die Welt, Berlin, 28. Mai 2020

Arnold Odermatt photographierte mit dem Auge des Polizisten und dem Blick des Künstlers – das karge Beamtengehalt schliff die Gewohnheit, daß Geiz Lebenshilfe sei. Odermatt ist eine lebende Legende – mit Alterskarriere, eine der steilsten eines Autodidakten in der neueren Schweizer Kunstgeschichte: Mindestens zwei Wundertätige haben die Veröffentlichung des Werks und seine Mythenbildung angeschoben. Urs Odermatt, der Sohn und Filmregisseur ursächlich. Nach der Pensionierung seines Vaters hat er den Schatz entdeckt und die Bilder erst zu einem eigentlichen Werk editiert. Daß später Harald Szeemann die Bilder zu sehen bekam; daß er für seinen Beitrag an der Biennale in Venedig auf der Suche nach Unfallbildern war; daß er in nur sieben Minuten im Transitbereich des Flughafens Zürich aus den Mappen, die Urs Odermatt an den Kontrollen vorbeischmuggelte, aus aberhundert Bildern die entscheidenden zweiunddreißig auswählte – das gehört zu den Stoffen, die darauf warten, verfilmt zu werden.

Daniele Muscionico

Neue Zürcher Zeitung, 6. Februar 2017

 

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Zu Beginn der sechziger Jahre wurden vielfältige und verwirrende technische Hilfsmittel in die alte Ordnung der Wachstube gepfercht: Telex- und Tonbandgeräte, der Instrumentenkoffer zur Spurensicherung, Magnesiumblitze für Nachtaufnahmen, Radarfallen. Wenn es das Unfallgeschehen zuließ, griff Polizist Odermatt auch in den Diensträumen zur Kamera. Photos über den ungewohnten Umgang mit den neuen Arbeitsgeräten entstanden. Mit angestrengten Gesichtern bedienen die Kollegen Tasten und Knöpfe; ihre angespannte Körperhaltung verrät Skepsis und kaum verhohlenen Argwohn, die Technik könnte sich unvermittelt gegen sie selbst wenden. Lieber vertrauen sie der peinlichen Ordnung, die überall herrscht, allein diese Tugend kann das Gute vom Schlechten, das Gesetz vom Chaos trennen. So hat Kamerad Odermatt sein Revier verewigt.

Klaus Kleinschmidt

Süddeutsche Zeitung / Magazin

München, 7. Januar 1994

 

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Arnold Odermatts Photographien vollbringen das Kunststück, sowohl von „Auto, Motor & Sport“ als auch von den Feuilletons besprochen zu werden.

Ronald Berg

Der Tagesspiegel, Berlin, 29. Juni 2002

 

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1947 wählte der Landrat den 22jährigen Arnold Odermatt zum neunten Polizisten von Nidwalden. Nach viermonatiger Ausbildung bei der Kantonspolizei Luzern trat er den Dienst im Rathaus Stans an. Uniform, Notizblock und Bleisitft wurden gestellt. Velo, Schreibmaschine – später Handschellen und Gummiknüppel – mußte er mitbringen.

Roland Gröbli

Luzerner Neueste Nachrichten, 15. Mai 1990

 

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Wann hatte sich jemals einer durch treuen Polizeidienst für die Biennale qualifiziert? Was die Photographien zur Kunst macht, ist die kalkulierte Komposition des realen Desasters, mit der Odermatt die Katastrophe zum ästhetischen Ereignis macht.

Tim Sommer

Art, Hamburg, März 2002

 

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Die neue Leitung aus Zürich hat gesehen, daß das Haus voll war mit Lokalkultur, aber der einheimische Weltstar fehlte.

Urs Odermatt

Gespräch mit Matthias Dell

in: Ein gutes Bild muß scharf sein!

Hartmann Projects, Stuttgart 2017

 

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Ich habe bei der Nidwaldner Polizei keinen Stil eingeführt, sondern die Photographie. Nachdem meine Vorgesetzten gesehen haben, wie ich zeichne, war das nicht mehr so schwierig.

Arnold Odermatt

Musée de l’Élysée, Lausanne

 

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Odermatts Bilder zeigen das Geheimnis schweizerischer Beständigkeit. Es geht alles, wirklich alles, ordentlich zu im Land. Selbst in der Katastrophe.

Beobachter, Zürich, 18. März 1994

 

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Einige der Odermatt-Photographien sind so schön, daß man vor Freude am liebsten schreien möchte. (...) Gut, daß es die Polizei gibt!

Tim Ackermanns

Berliner Morgenpost, 26. Juni 2011

 

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So also sieht die Welt nach Unglück auf. So aufgeräumt. So idyllisch. So irreal. Ist das nun eine Skulptur oder ein Wrack? Ein bißchen skurril wirkt der Käfer, wie er schräg im Wasser hängt. Und traurig, findet der Photograph.Als würde das Auto weinen. Aber mit was für einer Kulisse! „Vom Schock gereinigt“, so beschreibt Daniel Blochwitz das Unfallbild, das eines von Tausenden ist. Sie alle haben eine große abstrakte Qualität und zugleich eine zutiefst menschliche. Die verunglückten Autos scheinen sich zu küssen.

 

„Arnold Odermatt – Polizist, Photograph, Schweizer“, so heißt die von Blochwitz zusammengestellte Erfurter Ausstellung, Odermatts bisher größte. Knapper, treffender könnte man ihn nicht beschreiben, der vierzig Jahre lang als Wachtmeister im Zentralschweizer Kanton Nidwalden photographierte.

 

Meine Welt, so hieß sein erster, 1993 erschienener Bildband. Da muß man gleich an Pippi Langstrumpf denken: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Auch der Dorfpolizist hat die Wirklichkeit manchmal ein wenig inszeniert. „Herbeigezaubert“, wie er es nennt. Da rückte er schon mal eine türkise Plastikgießkanne in den Hintergrund des dörflichen Bildes, in dessen Vordergrund ein martialisch vermummter Polizist mit Gewehr steht. Arnold Odermatt fand, daß er das darf: „ein bißchen gestalten, schöner machen. Harmonie und Gegensätze zeigen.“

 

Vor allem hat er komponiert. Gaaanz in Ruhe. Das Dringendste war erledigt, die Verletzten versorgt, die Toten weggebracht, das Blut entfernt – der Unfallort aufgeräumt. Odermatt nutzte die Pause, bis der Abschleppwagen kam. Und ließ sich Zeit. Der mittlerweile 95jährige ist ein sparsamer Mann. Ein einziges Photo hat er immer nur geschossen. Da mußte alles stimmen, die Perspektive, die Komposition, das Licht. Mithilfe von Blitzlichtpulver hat er die Nacht zum Tag gemacht, hat sich auf den VW-Bus gestellt und am Hang abgeseilt oder hat, zur Empörung des Kollegen, die Uniformhose hochgekrempelt und ist ins Wasser gestiegen. Alles, um das Optimum rauszuholen. Notfalls hat der korrekte Schweizer auch die Autobahn für eine halbe Stunde gesperrt, um sich mit der Leiter mittendrauf zu stellen und sein Bild zu schießen. Als Autoritätsfigur in Uniform setzte er Dinge durch, von denen der ordinäre Künstler nur träumen kann. Als „Lust – oder Sucht –, ein interessantes Photo zu machen“, hat er selbst es einmal beschrieben. „Heute würde man das Machtmißbrauch nennen“, sagt sein Sohn Urs Odermatt, „damals hatte es den Charme des Kauzigen.“

 

Einen Photoapparat hatte Arnold, eins von elf Kindern, schon als kleiner Junge bei einem Wettbewerb gewonnen. Als er, der gelernte Konditor mit der Diagnose Mehlallergie, 1948 bei der Polizei anheuerte, sollte er eigentlich Zeichnungen von den Unfällen anfertigen. Das lag ihm nicht, also schlug er vor, Beweisphotos zu machen, was seinem Chef erst zu neumodisch war. Aber Odermatt ist ein cleverer Mann und setzte seine Methode durch. Als Knabe hatte er sich ja auch das Geld für die Filme mit Zaubervorstellungen, Eintritt fünf Rappen, verdient. Die Richter waren angetan von der Präzision der Aufnahmen. „Ein gutes Bild muß scharf sein!“ heißt einer von Odermatts Bildbänden.

 

Natürlich waren seine Aufnahmen immer mehr als das. „Schön“ zum Beispiel, darauf legte der Photograph großen Wert. Ein Wort, das die meisten Künstler fürchten. Aber Odermatt bezeichnet sich ja auch nicht so, selbst wenn er als solcher gefeiert wird, sondern als Photograph.

 

Ob er sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt hat, da gehen die Ansichten auseinander. Vater Odermatt sagt: ja, der Sohn: nein, das sei eine nachträgliche Konstruktion. „Aber selbst in Nidwalden“, meint Kurator Blochwitz, „lebt man nicht im luftleeren Raum, da gibt es Zeitungen und Zeitschriften“. „Er war Künstler, ohne es zu wissen“, sagt der Sohn. Wie auch immer, es hat Arnold Odermatt nicht geschadet, sich eine gewisse Unschuld bewahrt zu haben. Denn darin herrscht Einigkeit: Er hat das Auge und die Intuition eines Künstlers. Und daß seine Aufnahmen mit der geliebten Rolleiflex („Kleinbild wäre billiger gewesen, aber es hat sich gelohnt“ ) oft eine verblüffende Nähe zu Konzeptkunst haben.

 

Daß das Werk an die Öffentlichkeit kam, ist Urs Odermatt zu verdanken. Bei der Recherche für seinen Spielfilm Wachtmeister Zumbühl, der „sehr stark“ vom Vater inspiriert sei, stieß er auf dem heimischen Speicher auf 60’000 Negative, deren Qualität den Regisseur verblüffte.

 

Natürlich wußte Urs Odermatt, daß der Vater viel photographiert hatte. Darunter litt er ja als Kind. Er war genervt, dauernd vor der Kamera posieren („Die ganze Warterei!“), fünfmal vom Sofa springen zu müssen, bis das Bild endlich stimmte. War genervt von dem Raum, den die Leidenschaft des Seniors einnahm, vom Gestank, der aus der improvisierten Dunkelkammer im Bad durch die Wohnung zog. „Das erste, was ich vom Photographieren wußte: Es stinkt.“ Und das sind nicht die einzigen unangenehmen Erinnerungen. „Wir waren die Vorzeigefamilie“, neben dem Pfarrer und dem Doktor. „Das hatte seine Härten.“ Rund um die Uhr war der Vater im Dienst. Der Notruf klingelte bei Odermatts zu Hause.

 

Urs Oderrnatt war früh von dort weggegangen, dann aus der Schweiz abgehauen, um dem Militärdienst zu entgehen, weshalb sein Vater ihn zur Fahndung ausschreiben mußte. Als er Anfang der neunziger Jahre für seinen Spielfilm zurückkehrte und die Negative anschaute, kannte er alle Protagonisten darauf, „Komparsen“, wie er sie nennt. Jetzt schaute er mit den Augen des lange weg gewesenen Regisseurs darauf. „Durch die Distanz wurde es Fiktion.“

 

In einer Szene von Wachtmeister Zumbühl, der 1994 in die Kinos kam, erzählt der fiktive Polizist, daß er derjenige war, der die Leichen vom Pflaster kratzen mußte. Als sich die weibliche Hauptfigur die Karambolage-Photos ansieht, eben jene vom echten Arnold Odermatt, erklärt der Polizist, wie er dann zur Familie nach Hause kommt, das stumme Schauspiel, das im Schreien endet. „Wann war das?“, fragt die junge Frau. „Einmal im Monat“, antwortet der Wachtmeister. „Zwanzig Jahre lang.“

 

In der Nachkriegszeit gab es viel weniger Verkehr im Kanton als heute – aber weit mehr Tote und Schwerverletzte. Keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, keine Promillegrenzen, keine Sicherheitsgurte, keine Airbags. „Für mich sah es aus wie Krieg“, hat Arnold Odermatt in einem Interview gesagt. Bei Kindern habe er sich schon mal in den Busch verkrochen und geweint. Das Photographieren, glaubt Sohn Urs Odermatt, sei auch ein Weg gewesen, zu vergessen.

 

Selbst wer nie in einer Ausstellung seiner Arbeiten war, hat schon Bilder des Schweizers gesehen. Der Sohn arrangierte ausgewählte Photos zu Werkgruppen und veröffentlichte sie in vier großformatigen Büchern im Steidl Verlag: Karambolage, Im Dienst, In Zivil, Feierabend. Die Arbeiten wurden in Venedig, Paris, New York gezeigt, in Zeitschriften abgedruckt, seit den neunziger Jahren vertritt ihn die Berliner Galerie Springer. Die Kraft der Bilder und ihre Originalität schlugen in der Kunstwelt ein. Daniel Blochwitz, der Kurator der Erfurter Schau, erinnert sich, wie er Bilder aus Nidwalden in New York das erste Mal sah – in ihrer aufgeräumten, unamerikanischen, romantischen Art, wirkten sie gerade dort besonders exotisch. „Modern und doch provinziell“, so Urs Odermatt.

 

Arnold Odermatt liebte Schwarzweiß, die Bilder konnte er selbst entwickeln und in der Dunkelkammer perfektionieren. Wobei er längst nicht alle Aufnahmen auch abgezogen hat, nur, wenn es Bedarf gab: bei der Polizei, der Hochzeitsgesellschaft oder der Lokalpresse. In der Zeitung hatten die Photos eine klare Botschaft: Fahrt langsamer! Trinkt weniger! Da war er pragmatisch, hat sein quadratisches Format zurechtgestutzt, wie es die Zeitung brauchte.

 

Die Farbe beherrschte er ebenso souverän, so hat er auch seine Kollegen porträtiert: Werbeaufnahmen für die Polizei, die in den sechziger Jahren ein Imageproblem und Nachwuchssorgen hatte. Odermatt porträtierte sie schnittig und cool.

 

Es gibt viele Geschichten und einige Legenden, die sich um Odermatt ranken, und nicht immer sind Fiktion und Wirklichkeit eindeutig zu unterscheiden. Was verbürgt ist: daß Harald Szeemann, der Ausstellungsmacher, mit einer blitzschnell getroffenen Auswahl von zweiunddreißig Motiven, die er 2001 auf der Biennale in Venedig zeigte, Odermatt endgültig zum internationalen Durchbruch verhalf. Diese Werkgruppe hängt nun auch am Eingang der Erfurter Ausstellung, die sich über vier Etagen erstreckt. Kurator Daniel Blochwitz zeigt die Gleichzeitigkeit, die Gleichwertigkeit der Motive. Da Odermatt so sparsam arbeitete, war auf einem Film alles zu finden. Ein tödlicher Unfall, die eigene Familie beim Sonntagsspaziergang, ein Hochzeitsbild, eine neue Kuh – wann immer jemand im Dorf ein Photo brauchte, wurde der Wachtmeister gerufen. Egal, was er aufnahm, so Blochwitz: „Den polizeilichen Blick hat er trotzdem gehabt.“ Dieselbe Genauigkeit, dieselbe Aufmerksamkeit für Details. Und immer hat er sich die Zeit genommen, die er brauchte. „Den Leuten ist teilweise das Lächeln im Gesicht gefroren.“

 

Über die große Aufmerksamkeit habe er sich immer gefreut, erzählt seine Galeristin, die ihn als freundlich und bescheiden, ein wenig verschmitzt beschreibt. Doch als er im Art Institute of Chicago mit einer Einzelausstellung gefeiert wurde, fand er es  schade, daß niemand von seiner Lokalzeitung da war, erzählt Sohn Urs Odermatt. „Er wäre lieber der König von Nidwalden als der Kaiser der Welt.“

Susanne Kippenberger

Das Schweizer Auge

 Arnold Odermatt ist ein kriminell guter Photograph

Der Tagesspiegel, Berlin, 15. März 2020

 

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Der alte Odermatt sträubte sich immer gegen die Kunst. Aber der Erfolg gab Urs Odermatt recht.

Daniel Blochwitz

Kurator Kunsthalle Erfurt

 

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Urs Odermatt, Regisseur für Film und Theater, hat das Werk auf dem Dachboden und das Portrait eines Landes mit feinen Rissen entdeckt.

Gerhard Mack

Neue Zürcher Zeitung, 29. Januar 2017

 

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Oft trafen wir uns auf den Unfallstellen. Arnold Odermatt photographierte für die Polizei, ich für den „Blick“. Ich war neidisch: Odermatt stellte immer das große Polizeifahrzeug mitten auf der Straße am idealen Ort hin, kletterte die Leiter hoch, stellte das Stativ auf und photographierte mit seiner Rolleiflex. Und ich war der Lappi; meine Bitte, auch einmal vom Dach photographieren zu dürfen, winkte er kategorisch ab. Heute können wir darüber lachen.

Josef Ritler, „Blick“-Reporter