Ausgerechnet die verfeindete kleine Schwester kommt als einzige Knochenmarkspenderin für die leukämiekranke Firmenchefin in Frage – diese Art Blutsverwandtenmelodram ist derzeit offenbar recht beliebt. Nachdem schon im Rosamunde-Pilcher-Film vom Sonntag eine ähnliche Variante durchgespielt wurde, baute auch „Der große SAT-1-Film“ auf diese Konstellation.
Unter dem völlig einfallslosen Titel Zerrissene Herzen brachte Autor Peter Prange (über)reichlich Dramatik ins Spiel: Astrid, die Chefin eines Modehauses, erfährt nicht nur, daß sie an Leukämie leidet. Dir Mann schwängert ihre kleine Schwester, und ihre Firma, für die sie gerade erst hohe Kredite aufgenommen hat, geht immer mehr den Bach herunter.
Suzanne von Borsody spielte sehr beherrscht eine energisch-egozentrische Firmenchefin, die glaubt, sie müsse in ihrer Dreifachkrise besondere Stärke demonstrieren, und die dabei alle Nahestehenden gegen sich aufbringt. Der Schweizer Regisseur Urs Odermatt drückte überraschend wenig auf die Tränendrüse, sondern bewahrte einen distanzierten, fast kühlen Blick auf die Hauptfigur. Der Kameramann durfte nur selten ganz nah heran. Dem Zuschauer wurde so kein Mitgefühl aufgezwungen, sondern die Chance gelassen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Auch der offene Schluß ließ genügend Raum für eine eigene Deutung der Geschichte eine Seltenheit für diese Art Melodram, wo ansonsten kaum eine Gelegenheit ausgelassen wird, das gute oder schlimme Ende lang und breit auszumalen.
Klaus Katzenmeyer
Rückblende – kühler Blick
Leipziger Volkszeitung, 19. Februar 1998
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In ihren Rollen ist sie die Nachdenkliche, die Kühle, eine Frau, die die Dinge mit sich selbst ausmacht. In Babyfon heckte sie einen teuflischen Plan aus, im Klinikdrama Ich bin unschuldig – Ärztin im Zwielicht gab sie nuancenreich ein Bild vom Leid einer Mutter, und in Ärzte ging sie ihren Weg, eine Frau Doktor mit Prinzipien und Herz. Suzanne von Borsody, die Stimme von Mutter Rosemarie Fendel, den Blick von Vater Hans von Borsody, gehört zu den markantesten Erscheinungen in der an Talenten nicht raren deutschen Schauspielerszene. Über ein Jahrzehnt Theater, Büchner, Tschechow, Lessing – da ist die 38jährige in der Lage, über Drehbuchlöcher oder die Spleens mancher Regisseure hinwegzuspielen.
So eine engagiert man gern. „Auch als Werbeträger habe ich mich wohl bewährt“, lächelt von Borsody. Bei Sat 1 vor allem sieht man sie regelmäßig. Dort spielt sie heute die Hauptrolle in Zerrissene Herzen. Ein Melodram, dem man den Formwillen allzusehr anmerkt. „Das Experiment war, daß man in die Kamera spricht und nicht in die Augen“, beschreibt sie die Konzeption des Schweizers Urs Odermatt. Das Resultat: große Distanz, bleierne Schwere.
Im Mittelpunkt steht Astrid, Geschäftsfrau mit Leib und Seele. Sie kann keine Kinder bekommen. Das erledigt ihre Schwester. Das Dumme ist nur: der Vater ist Astrids Mann. Doch nicht genug: Astrid, die mit ihren Liebsten bricht, hat Blutkrebs. Nur eine Knochentransplantation kann helfen. „Wie sich Liebe über den Verrat in Haß umwandelt und trotzdem am Ende Verzeihen steht“, davon, so von Borsody, handle das Melodram. Und Astrid sei eine Figur voller Lebenslügen. Suzanne von Borsody spricht gerne über ihre Arbeit. „Ich versuche immer, meinen Figuren eine Daseinsberechtigung zu geben, sie zum Leben zu erwecken.“ Wenn man über die Psychologie einer Figur nachdenke, sei das aber immer auch eine Form von Auseinandersetzung mit sich selbst. „Ich muß mir überlegen, wie kommt jemand dazu, so weit zu gehen, beispielsweise einen solchen Haß wie diese Astrid zu entwickeln.“ Man spürt die Schauspielerin aus Passion bei Suzanne von Borsody, die eigentlich Malerei studieren wollte und eher zufällig 1978 zum Fernsehen kam, wo sie gleich mit ihrer zweiten Rolle als „Beate S.“ wichtige Fernsehpreise einheimste.
Traumrollen hat sie viele. Sie möchte die Sorgen und Nöte einer Enddreißigerin spielen. Vielleicht eine Forscherin, eine Frau, die durch die Welt reist. Doch nichts davon bekommt sie angeboten. „Warum müssen Frauen ab Ende dreißig bis Mitte sechzig entweder einsam durch die Gegend gehen oder Muttis spielen!? Warum kann nicht mal eine Frau im Film einen jüngeren Liebhaber haben, ohne daß es gleich zu etwas Besonderem stilisiert wird“, fragt sie sich. Bei Männern und deren zahllosen Midlife-Crisis-Geschichten ginge das schließlich auch. Dennoch, die Hoffnung auf spannende Menschenbilder bleibt. Auch wenn sie zur Zeit den Eindruck hat, im deutschen Fernsehen jage ein Thriller den nächsten Krimi. Man müsse sich als Schauspieler und Mensch die Fähigkeit erhalten, gespannt auf Neues durchs Leben zu gehen, sagt sie. „Man muß die Bereitschaft mitbringen, sich überraschen zu lassen.“
Rainer Tittelbach
Starker Tobak mit Formwille
Tittelbach TV, 19. Februar 1998
Blick, Zürich, 17. Februar 1998
Kramer
Die frühen Zeiten waren hart. Oft saß ich mit deinem Vater die ganze Nacht über den Büchern. Einmal merkte er, daß ich ein paar Briefe nicht abgerechnet hatte. Er war sehr zornig. Er war ein stolzer Mann. Ließ sich nichts schenken. Es waren vierzig Jahre – aber nie har er mit mir in diesem Ton gesprochen.
Astrid
In Ordnung, Herr Kramer, ich nehme Ihre Kündigung an.
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Es kam mal wieder ganz dick. Beim psychischen Kräftemessen zweier ungleicher Schwestern nahm die vermeintlich schwächere der starken Superfrau den Mann weg und bekam sogar noch ein Kind von ihm. Doppelt bitter, weil die Betrogene selbst keine Kinder bekommen konnte.
Im Sat-1-Melo Zerrissene Herzen gab es keinen Mangel an Dramatischem, an Szenen einer kaputten Ehe oder Phasen einer schweren Krankheit. Bedeutungsvoll blickten hervorragende Schauspieler abwechselnd in die Kamera und dann in die Leere des Raumes. Sie wirkten wie hingestellt ins optische Konzept eines formverliebten Regisseurs. Und so erstarrte das Kammerspiel des Schweizers Urs Odermatt in Schönheit und verströmte bleierne Schwere. Am Ende siegten Vernunft und Herz. Anders wäre dieser Film auch nicht zu ertragen gewesen. Wie dankbar war man da für ein Lächeln. Man sehnte sich geradezu die Knochenmarkspende herbei. Weniger der kranken Heldin, sondern des eigenen Vorteils wegen.
Rainer Tittelbach
In Schönheit erstarrt
Tittelbach TV, 19. Februar 1998
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Kreuzung aus dem Weltbild der Boulevard-Journallie und dem Handwerk des gehobenen Fernsehspiels.
Stuttgarter Zeitung
19. Februar 1998